Mythos Muttersprache: Warum wir uns vom „native speaker myth“ verabschieden sollten
In einem bemerkenswerten Vortrag auf der diesjährigen IDT in Lübeck gab Doris Pokitsch – Hochschulprofessorin für Migrationspädagogik mit Schwerpunkt sprachliche Diversität – interessante Hinweise zu diesem Thema.
In unserer heutigen Migrationsgesellschaft erscheint es mehr als fragwürdig, dass nur Muttersprachler*innen als die „besten“ Lehrkräfte für Deutsch gelten sollen. Die Vorstellung, dass man eine Sprache nur dann richtig und authentisch weitergeben kann, wenn man sie von Geburt an spricht, stammt aus dem 19. Jahrhundert – einer Zeit, in der Sprache eng mit nationaler Identität verknüpft wurde. Der Glaube an die sprachliche Überlegenheit von Muttersprachler*innen ist eher ein kulturelles Konstrukt als eine fachliche Notwendigkeit.
Die Romantisierung des Mutterspracherwerbs und die Gleichsetzung von Sprache, Nation und Identität führten zu einem irrationalen Ideal: dem „nativen Sprecher“ als überlegenem, quasi naturwüchsigem Sprachbenutzer. Diese Perspektive ignoriert nicht nur die empirischen Realitäten von Mehrsprachigkeit, sondern stabilisiert auch sprachliche Hierarchien, die mit sozialen und ethnischen Ausschlüssen verknüpft sind.
Diese Sichtweise ist überholt. Gerade Lehrkräfte mit mehrsprachigem Hintergrund bringen wertvolle Erfahrungen, Reflexion und Empathie in den Unterricht ein – Kompetenzen, die heute besonders wichtig sind.
Sprachliche Vielfalt ist längst Realität. Es ist an der Zeit, den Mythos des Muttersprachlers zu hinterfragen und pädagogische Qualität nicht an biografische Zufälligkeiten, sondern an professionelles Können zu knüpfen.
Für mich persönlich bedeutet all das zum einen eine enorme Entlastung: ich brauche nicht mehr die allwissende Deutschland-Expertin zu sein, die 83,6 Millionen Deutsche repräsentiert und – als Muttersprachlerin – ganz genau weiß, wie sie alle ticken. Auf der andere Seite führt diese Einsicht zu mehr Bescheidenheit. Ich kann mich nicht auf meinem Muttersprachler-Bonus ausruhen, sondern muss mich kontinuierlich darum bemühen, eine gute Lehrerin zu sein und zu bleiben.



